IAA – Bewegungsmelder von der Mobilitätsmesse

Nicht nur die Mobilität ist im Wandel, auch die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) erfindet sich gerade neu: weg von der klassischen Automesse, dafür interaktiver, digitaler und vernetzter. Konzeptionell baut man in diesem Jahr auf vier Formate: „Conference“ mit prominenten Speakern, „Experience“ mit Probefahrten der aktuellen Modelle, „Exhibition“ mit Chrom und Lack auf Hochglanz und „Career“. Außerdem parallel: die New Mobility World, eine B2B-Plattform, auf der sich Unternehmer, Vordenker und Entscheider über die Zukunft der Mobilität austauschen. Besucher können hier Tech-Firmen und Start-ups mit ihren Innovationen treffen. Mit dieser neuen Ausrichtung wollen die Organisatoren dem Wandel der Branche Rechnung tragen und die Zukunft der Mobilität erlebbar machen.

E-Mobilität startet durch

Der Übergang zur Elektromobilität ist derzeit die größte Herausforderung für Automobilkonzerne. So präsentiert VW auf der IAA 2019 das erste vollelektrische Volumenmodell mit Namen ID.3 auf Basis des neuen Elektrobaukastens MEB. Die Sonderedition ID.3 1ST kommt mit 58-kWh-Batterie und bis zu 420 km Reichweite (WLTP)(1). Auch Mercedes-Benz startet mit voller Power seine Elektrooffensive: Der EQC 400 4MATIC bietet eine WLTP-Reichweite von bis zu 390 km(2) und die vollelektrische Großraumlimousine EQV feiert auf der IAA ihre Weltpremiere (WLTP-Reichweite: bis zu 360 km)(3). Ein weiteres Highlight ist der Porsche Taycan – mit einer Reichweite von bis zu 412 km (WLTP)(4). Kurios: Trotz des Elektroantriebs heißt die Topversion dieses elektrischen Sportwagens „Turbo“.

Mehr Reichweite, mehr Sicherheit

Der Übergang vom Verbrenner zu alternativen Antriebskonzepten fordert auch die Zulieferbranche verstärkt heraus. Auf dieser IAA sind sie mit neuen technischen Systemen am Start, die auch den Fuhrpark sicherer und vernetzter gestalten können.

Mahle setzt den Fokus bei der Elektromobilität auf verbesserte Batteriekühlung sowie erhöhte Lade- und Entladeraten – mit seinem Prototypen einer 48-V-Batterie. In Mild-Hybriden soll die Batterie die Rekuperationsenergie verlustarm speichern und abgeben. Des Weiteren wird ein Modular-Compact-Thermal-System vorgestellt, das durch den Einsatz einer Wärmepumpe die Reichweite von E-Autos bei 0 Grad Außentemperatur um bis zu 12 % erhöhen soll (WLTP).

Bosch stellt auf der IAA ein 3-D-Display vor, das ohne unterstützende Technologien wie 3-D-Brillen auskommt. Damit könnten Warnungen und Navigationsanzeigen schneller erfassbar und Parkkamera-Bilder realistischer werden. Eine neue Version der Bosch Multifunktionskamera arbeitet mit künstlicher Intelligenz. Sie ist in der Lage, unterschiedliche Fahrbahnoberflächen wie Schotter, Gras oder Asphalt zu erkennen, um Fahrzeuge in der Spur zu halten. Außerdem kann sie nicht nur Menschen, sondern auch deren Blickrichtung, Bewegungsrichtung und Kopfstellung erkennen. Damit kann das Unfallrisiko besser eingeschätzt werden.

Aktive Abbiegeassistenten helfen, Unfälle zu vermeiden. Bei Lkws sind sie bereits in Serie, nun steht die Technologie auch für Pkws vor der Einführung. Continental hat dazu ein Nahbereichsradar entwickelt, das Bewegungsrichtung und Geschwindigkeit der erfassten Objekte präzise erkennen kann. Diese Assistenten sollen nicht nur warnen, sondern automatisch bremsen, bevor es zum Zusammenprall mit Fußgängern oder Radfahrern kommt. Schon ab 2022 soll der aktive Abbiegeassistent in den Pflichtkatalog der Euro-NCAP-Sicherheits-Szenarien aufgenommen werden.

Macht Wasserstoff das Rennen der Zukunft?

Neben den Elektroautos rückt auch einer der bisherigen Exoten auf der IAA ins Rampenlicht: Wasserstoff. In unserem Leitartikel haben wir bereits darüber berichtet und diese Antriebsart mit anderen alternativen Antrieben verglichen. Zur Energiegewinnung wird in der Brennstoffzelle dem Wasserstoff Sauerstoff zugeführt. Daraus entsteht elektrischer Strom. Könnte hier die emissionsfreie ressourcenschonende Zukunft liegen?

Die Vorteile liegen auf der Hand: Aus dem Auspuff von Wasserstoffautos kommt einfach nur Wasserdampf. Wasserstoff ist in großen Mengen verfügbar, es müssen deutlich weniger seltene Rohstoffe wie Lithium verwendet werden und die Ladezeit dauert nur wenige Minuten.
Nachteil: In Deutschland gibt es aktuell gerade mal 75 öffentliche Wasserstoff-Tankstellen(5) – wohl kaum genug, um den Antrieb wirklich zu etablieren. Außerdem ist der Anschaffungspreis von Brennstoffzellenautos hoch, da das in der Brennstoffzelle eingesetzte Platin teuer ist.

Ein Toyota Mirai kostet beispielsweise fast 80.000 Euro, das Modell von Hyundai liegt bei 65.000 € – was natürlich auch der geringen Stückzahl geschuldet ist. Erschwerend hinzu kommt die teure Produktion von Wasserstoff. Eine Sackgasse also?

In Japan sieht man das anders. Hier haben sich Industriegrößen wie Toyota, Honda, Nissan und Energiekonzerne zusammengetan, um bis 2020 immerhin 40.000 Wasserstoffautos auf japanischen Straßen zu etablieren.

Und auch in Deutschland tut sich was: Weltweit erstmalig kombiniert Mercedes-Benz beim GLC F-CELL innovative Brennstoffzellen- mit Batterietechnik. So entsteht durch das intelligente Zusammenspiel der beiden Techniken ein Plug-in-Hybrid mit genügend Energie für eine Reichweite von bis zu 478 Kilometern im Hybridmodus (NEFZ)(6). Eine vergleichbare Technik kommt auch im Mercedes-Benz Citaro FuelCELL-Hybrid zum Einsatz: Als Stromlieferant dienen zwei Brennstoffzellensysteme aus der Mercedes B-Klasse F-CELL, gekoppelt mit einem seriellen Hybrid-Antrieb. Ein Verbrennungsmotor wird damit überflüssig. Als Zwischenspeicher für die erzeugte elektrische Energie dient eine leistungsstarke, wassergekühlte Lithium-Ionen-Batterie.

Im öffentlichen Nahverkehr von Stuttgart setzt man bereits auf Wasserstoffbusse als Beitrag für bessere Luft.

Back to the roots.

Der Automobil-Pionier Gottlieb Daimler baute seine Motorkutsche aus Holz. Jetzt feiert der Werkstoff Holz sein Comeback, wenn auch nur in Kleinserie. Biegefest und stabil wie Aluminium und doch häufig vielfach leichter, was Toyota in einer Konzeptstudie aus Zedernholz und Birke zeigt.

Besonders die Frage, wie Fahrzeuge leichter und effizienter werden, ist eines der zentralen Themen. Carbon ist zwar leicht, aber kostspielig und nach einem Aufprall schwer zu reparieren. Aluminiumlegierungen und Sandwich-Stahl sind in der Fertigung schwer zu handeln. Jetzt kommen neue additive Fertigungsverfahren wie 3-D-Druck ins Spiel.

Werden Autositze in Zukunft zu Wellnessmöbeln? Besondere Materialien, die durch äußere Einflüsse ihre Form verändern und reagieren: Durch Strom, Magnetismus, Wärme, Licht etc. können sie sich individuellen Körperformen anpassen – und das ohne Elektronik oder manuelle Einstelltasten. Was aufwändige Verkabelung überflüssig machen könnte.

Fazit:

Wieder einmal vermittelt die IAA einen wichtigen Überblick über die neuesten Entwicklungen der Automobilbranche. Besonders alternative Antriebe und Assistenzsysteme treiben die Mobilität voran. Wenn auch Unsicherheit verbreitet ist: Dass Elektromobilität an Fahrt aufnimmt und mit mehr Reichweite und geringeren Anschaffungskosten auch im Fuhrparkmanagement Zukunft hat, ist keine Utopie mehr. Wie aber verändern sich Preise und Leasingraten angesichts dieser Innovationen? Wirken sich neue Sicherheitsfeatures positiv auf die Versicherungsprämie aus? Und heißt weniger CO2-Ausstoß weniger Steuer? Wir bleiben auf jeden Fall dran…

Quellennachweise:
(1)Herstellerangaben (VW ID.3 1ST)
(2)https://www.adac.de/der-adac/motorwelt/reportagen-berichte/auto-innovation/test-mercedes-eqc-elektro-suv/
(3)https://www.elektroauto-news.net/2019/mercedes-benz-eqv-weltpremiere/
(4)https://www.adac.de/der-adac/motorwelt/reportagen-berichte/auto-innovation/porsche-taycan-elektro-sportwagen/
(5)H2: https://h2.live
(6)Herstellerangaben (GLC F-CELL)
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